Kostas

Da fühle er sich ganz klein, sagt Kostas, wie wir so von unserer Reise und unserer Lebensart erzählen. Er bewundere unsere Geduld, den Langmut, die Konsequenz, die Leidensfähigkeit, die ausgelebte Neugierde.

In Geduld muss man sich tatsächlich üben, wenn man in Griechenland per Anhalter fährt. Und stark bleiben, wenn man von Auto-, LKW- oder Busfahrern, denen man als unterlegener Bittsteller begegnet, an Autobahnraststätten abschätzig behandelt oder ignoriert wird. Wenn dann aber eine gute Seele wie Kostas anhält, die mit einer leichten Ruhrpottfärbung fließend deutsch parliert, und nicht aufhört, uns genau dafür zu bewundern, wofür wir eine Stunde vorher dutzendfach geächtet wurden, dann bröckelt der Frust wie trockener Schlamm von verkrusteten Wanderhosenhosenbeinen, dann ist alle Mühe auf der Stelle vergessen, dann mündet die Bestärkung in einer wohlig warmen, wahrhaftigen Zufriedenheit. Wir haben die Pessimisten Lügen gestraft. Wir haben die Raststätte hinter uns gelassen. Wir sind wieder unterwegs. Das Warten hat sich gelohnt, die Begegnung gibt Kraft.

Seine Eltern sind ausgewandert in den 1960er Jahren, um ein Gasthaus in Wuppertal zu gründen. Dort ist er aufgewachsen. Zu Lebzeiten sprach der Vater immer davon, bald nach Griechenland zurückzukehren, als gemachter Mann, für den Lebensabend. Dann starb er. Im fremden Deutschland.

Kostas hatte sich, ausgestattet mit dem Gründergeist des Vaters, nach der Ausbildung selbstständig gemacht. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters scheitert jedoch auch das Geschäft. Er braucht eine Veränderung, packt die Koffer und verwirklicht den Traum des Vaters. Er geht zurück in die „Heimat“ – eine Sommerheimat, eine Vergangenheit in zweiter Generation. Griechenland.

Er arbeitet in verschiedenen Kühlunternehmen, baut sich mühsam einen Freundeskreis auf, wird konfrontiert mit einer Lebensrealität jenseits von Sommer und Urlaub.

Volos war heute eigentlich nicht sein Ziel, aber für uns exotische Gäste macht er natürlich einen Abstecher. Bis vor die Haustür von Irene bringt er uns. Jetzt, wo er schon in Volos ist, besucht er spontan einen Schulfreund aus Wuppertal, seines Zeichens auch Exil-Deutschgrieche.

Fast hätte die Wirtschaftskrise Kostas wieder zurück nach Deutschland gespült. Doch als er vor kurzem die Möglichkeit erhielt, für eine österreichische Firma den Bau von Kühlanlagen zu überwachen, ist er erleichtert. Sechs Jahre, nachdem er den Traum des Vaters in Angriff genommen hat, ist er endlich zufrieden. Seine Kunden sind griechische und deutsche Supermarktketten. Er ist zu Hause.

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10 Kommentare

  1. Karin

    Wow, das ist eine beruehrende Geschichte. Sind unsere Probleme nicht Luxusprobleme?

  2. zoi

    ja so ist es (leider) zu hause ist man nur in griechenland…

  3. gisa

    Ja ja ja, das wollten wir lesen.
    JAAAAAAHHHH!!

    Genau diese Geschichten wünschen wir uns.
    Der literarische Blog aus der Fremde für die Daheimgebliebenen.
    So fremd isses ja noch nicht, aber das soll ja noch fremder werden, hat man uns erzählt.
    Aber dieses Erzähl-Niveau, genauso soll es bleiben.
    Unser Elixier. Unser Das-ist-die-Krönung-meiner-Büromaloche, wir lesen gut-gelaufen.
    Atmen durch, lehnen uns zurück und sagen:
    Ja, damit sollte mein Feierabend vergoldet werden.
    Wir sind glücklich, dass wir noch mal eben reingeschaut haben.
    Danke.

  4. Romi

    ..am schönsten ist die Stelle mit dem trockenen Schlamm an verkrusteten Wanderhosenhosenbeinen!

  5. am schönsten ist der name. welcher vater würde heutzutage sein kind in griechenland auf den namen „kostas“ taufen?

  6. gisa

    Ja Romi, das stimmt!

    Was ist eigentlich das besondere an Wanderhosenhosenbeinen in Bezug auf Wanderhosenbeine?

  7. Romi

    Das habe ich mich auch schon gefragt..

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