Singapur-Jakarta

Die KM Kelud wurde vor 15 Jahren gebaut, zu einer Zeit, als Billig-Fluglinien noch in so weiter Ferne schwebten wie die Vorstellung, man könnte irgendwann mehr Kommunikation über ein elektronisches Poesiealbum als über die eigenen Stimmbänder laufen lassen. Das beschauliche Papenburg im fernen Deutschland war nicht nur ihr Geburtsort, sondern auch verantwortlich für die Sicherheit, den Komfort und allerlei Fehlplanungen. Nicht anders kann man das bezeichnen, was wir in Westeuropa für unverzichtbar halten, was im Kontext vom tropischen Indonesien der 2010er-Jahre aber skurril anmutet. Zum Beispiel die Luftschleusen. Durch drei Türen muss man sich zwängen, will man vom Innenraum raus an Deck. Und das, obwohl in der Javasee, so nah am Äquator, Temperaturunterschiede von höchstens 10 Grad herrschen. Nicht klima-, sondern klimaanlagenbedingt. Oder die Dimensionierung der Klassen. Während sich in den 28 Sälen der vierten Klasse und in den Treppenhäusern hunderte Schlafende tummeln, herrscht in den Fluren und Kabinen der ersten, zweiten und dritten Klasse so gähnende Leere, dass man an seinem Aufenthaltsort zu zweifeln beginnt – ist es wirklich eine indonesische Fähre, auf der man sich befindet? Oder doch ein Hitchcock-Film? Selbst die Crew ist so überrascht über einen westlichen Passagier im 1.- und 2.-Klasse-Restaurant, dass sie, anstatt uns zu bedienen, lieber ein minutenlanges Handyfotoshooting mit uns veranstaltet. Ein Anblick, der auch uns verwirrt: Hunderte Tische für abgezählte fünf erstklassig reisende aus China.

Wir hatten nur Schlafsaaltickets der vierten Klasse gelöst und konnten der Versuchung, spontan auf die 6-Personen Kabine der zweiten Klasse aufzusteigen, nicht widerstehen. Eigentlich sollte uns die Residenz in diesem hochpreisigen Segment für einen Zutritt zum Restaurant legitimieren. Dachten wir hungrig. Doch der Zutritt allein macht noch nicht satt: Die spärliche, wohldosierte Ware ist den rechtzeitig Buchenden vorbehalten. Wir nehmen nach der einstündigen Erörterung, die es brauchte, bis wir das verstanden hatten, unseren Hut, und in der verrauchten, aber weniger eiskalten, und deutlich egalitäreren, Cafeteria Platz. Sie ist der einzige Aufenthaltsort mit kulinarischem Programm, außer dem Kiosk an Deck, wo in ohrenbetäubender Lautstärke Michael Jackson-Konzerte laufen. Daneben gibt es noch ein Kino unter dem Meeresspiegel, wo eine handvoll rauchender Männer spärlich bekleidete Videocliptussis beglotzt, und die obligatorische, selbstverständlich auch verrauchte, Karaokebar. Wir sind schließlich in Asien.

Und so meistern wir ewig-gestrigen Romantiker es, 29 Stunden lang mit 18 Knoten über den Äquator zu schippern und Michaels gold glänzenden Schritt zu bewundern, ohne dabei einen einzigen Gedanken an den eigenen facebook-Status zu verschwenden.

Singapur-Jakarta mit Pelni

Dauer: 29 Stunden
Preis pro Person 4. Klasse: ca. 18,- EUR
Aufpreis 2.-Klasse-Kabine: Verhandlungsbasis

KM Kelud

Kiellegung: 30.5.1997
Länge: 146,5 m
Breite: 23,4 m
Leergewicht: 3175 t
Schlafsaal-Betten 4. Klasse: 804
Kabinen-Betten 1., 2. und 3. Klasse: 1112

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2 Kommentare

  1. Romi

    Ach du Scheiße! Dafür sind die Bilder aber traumhaft. Beim Vorletzten könnte man fast meinen, ihr lauft endlich im Hamburger Hafen ein…

  2. Pingback: Der Atlantik | Gut gelaufen

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