Von Teilen, ihrer Beschaffung und unendlichen Mühen

Ich hätte es wissen müssen. Nichts ist so einfach, wie man am Anfang denkt. Und wirklich gar nichts verläuft in Asien so reibungslos, wie man es aus den gründlichen Gefilden der deutschen Heimat gewöhnt ist.

6,6 Zentimeter Bodenfreiheit, ungefederter Rahmen, 8-Gang Nabenschaltung, 16 Zoll Räder mit schmalen Slicks – Die Liege-Dreiräder, die wir günstig erstanden haben, sind für die Straße und nichts als die Straße gebaut. Australier haben sie konzipiert, für den gelegentlichen Freizeiteinsatz auf glattem Untergrund ohne allzu große Steigungen. Wollen wir sie hingegen im wilden Südostasien einsetzen, brauchen wir ein paar Veränderungen am Material, soviel steht fest.

Die einfachste Anpassung, sage ich mir, wäre durch fette Ballonreifen zu erreichen, und telefoniere mich durch Hongkongs Radgeschäfte. Und weil wir in Asien sind, gebe ich mich mit dem ersten, obligatorischen „ja, natürlich“ nicht zufrieden, sondern hake vier bis fünf-mal nach, ob es wirklich Big Apple reifen sind, und diese wirklich in 16″ im Lager liegen, und davon wirklich sechs Stück. „Schwalbe Big Apple? 16 inch? Six of them?“

Der erste Laden, den ich mit zwei verschiedenen Fähren erreiche, drückt mir feierlich eine Tüte mit no-name Kinder-BMX-Reifen in die Hand. Nein, danke. Arschloch.

Der zweite Laden, den ich per Fähre, zweiter Fähre, Bus und ermüdender Zugfahrt erreiche, hat tatsächlich Big Apples und tatsächlich sechs Stück. Wir waren schon einmal da, um Schuhe mit Click-Einsätzen und Helme zu kaufen. Have a safe trip! – Zurück nach Peng Chau, oder nach Bangkok?

Nach dem beschwerlichen, aber erleichterten Ritt durch die öffentlichen Verkehrsmittel zurück auf unsere Insel die ernüchternde Gewissheit – Die Reifen passen nicht. Unsere Felgen haben ein seltsames ungefähr-16 Zoll-Maß mit 349 Millimetern Durchmesser, die Reifen hingegen sind echte 16 Zoll, 305 Millimeter groß. Was tun? In zwei Tagen müssen wir wieder in China sein, das Visum verliert sonst seine Gültigkeit. Scheiß Visa!

Wir entscheiden uns, zwei von den Mänteln zu behalten, und bei der nächsten Gelegenheit eine passende Felge an den wichtigeren, weil stärker belasteten Hinterrädern neu einzuspeichen. Clara fährt am nächsten Tag zurück, über die erste Fähre, die zweite Fähre, den Bus und den Zug, und schafft es mit all ihrem Charme, vier Reifen zurückzugeben. Das steuerfreie Hongkong ist das Paradies für Geschäftsleute, nicht für Konsumenten. Ein Produkt zurückzugeben bedeutet zähe Verhandlung.

In der ursprünglichen Konfiguration, plus zweitem, größeren Kettenblatt, fahren wir nach China. Nabenschaltung und mehrere Kettenblätter? Ja, dem Alfine-Kettenspanner sei dank. Bald werden wir das Hinterrad wechseln, und dann satteln wir gleich auf eine Kettenschaltung mit größerer Gang-Bandbreite um, denken wir. Auf das zweite Kettenblatt an der Kurbel wird die Kette per Hand gelegt – gar nicht so schlimm, ein beherzter Griff an den Kettenschlauch genügt. Liegeräder rocken. Die zwei unpassenden Mäntel kommen ins Gepäck.

Zwei Wochen später, um Millionen mit den Slicks schmerzhaft durchfahrenen Schlaglöchern bereichert, starten wir Runde zwei des Wir-planen-schnell-einen-kleinen-Umbau-Radspaßes. Nanning, Provinzhauptstadt Guangxis, wartet mit vielen Fahrradläden auf, die uns trügerischen Mut geben.

Der erste Laden versucht es, wie von uns gewünscht, mit einer Kettenschaltung – unmöglich. Leider ist die Arbeit umsonst, das 16″ Rad mit breit gespreizter 8-fach Kassette passt nicht. Bei dem kleinen Rad mit dem fetten Reifen schleift der Umwerfer abwechseld am Reifen und auf dem Boden. Also wieder die Nabenschaltung rein. Aber zu der 36-Loch Nexus-Nabe eine 36-Loch 16″ Felge aufzutreiben? Dazu ist man nicht fähig. Weil man es mit Worten nicht fassen kann, was wir für eine Odyssee aus Google Translate, tiefen Gräben zwischen west- und östlicher Arbeitsherangehensweise, und insgesamt 30 im Laden verbrachten Stunden hinter uns haben, belasse ich es bei folgendem: Am Ende haben wir mithilfe der zauberhaft hilfsbereiten englischkundigen Rezeptionistinnen unseres Hostels das passende Material im Internet selbst bestellt und in einem zweiten Radgeschäft die Räder einspeichen lassen. Vorne 20″ mit Big Apple (chinesischer fake, aber immerhin fett), hinten 16″ Big Apple (unser eigenhändig aus Hongkong transportiertes Original) – nach zehn mühevollen Tagen im Bikeshop! Endlich!

Dass uns gute 1500 Kilometer später das Hinterrad um die Ohren fliegen wird, weil der Mantel die ganze Zeit eierte (wegen falscher anfänglicher Lagerung in unseren Taschen, es war einer dieser berüchtigten Drahtreifen) – Das wissen wir da noch nicht.

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Ein Kommentar

  1. romikommentiert

    Horror!

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