An Rudern und Reglern

Standardisierte Container, optimierte Liegezeiten, normierte Abläufe – dass in der modernen Seefahrt nicht viel Raum für Freiheit, Abenteuer und Entdeckungen bleibt, war uns klar. Doch wie wenig von der Romantik, auf einem großen Schiff Dienst zu schieben, tatsächlich noch bleibt, ist frappierend. Entweder schuftet man im dröhnenden, öligen Maschinenraum; auf dem salzigen, Lackdämpfe ausdünstenden Deck; oder in der pausenlos fordernden, hektischen Küche. Lupenreinste Knochenjobs! Auf den oberen Etagen hingegen braucht es Feingefühl und Köpfchen, im Kompetenzbereich der Nautiker. Vier Männer sind es, die sich die Ruder auf der Brücke teilen. Sie analysieren den Himmel, lesen die Wetterfaxe, passen Geschwindigkeit und Streckenführung pausenlos an die wechselnden Verhältnisse des offenen Meeres an. Kaum spürbare, lang gestreckte S-Kurven macht der Kahn, immer weg von Unheil verkündenden Wolken. Einen großen Bogen gilt es um die böseren Farben des Wetterbildschirms zu machen. Er kennt die Stärke des Windes und die Höhe der Dünung immer schon ein paar Tage vorher, er rechnet zu den Eigenschaften von Luft und Wasser auch die Geschwindigkeit und Position des Schiffs hoch. So eine Zeitmaschine, so ein Zepter gegen die Elemente, stünde auch manch kleinerem Boot nicht schlecht. Laufend wird die Route neu berechnet, ständig das Radiergummi geschwungen. Für den Überblick, und als Rettungsanker im Fall der Fälle, zieht man auch heute noch die altbewährte Seekarte zu Rate. Bleistiftkreuz für Bleistiftkreuz büßt sie ein kleines Stück ihrer Dicke ein. Die blassen Spuren vergangener Touren und die konzentrierten Stellen ausradierten Papiers sind Zeuge: Ein Containerschiff ist kein Vehikel für spontane Abstecher, justiert wird die Route nur im Detail. Wie auf Schienen durchpflügt dieser gewaltige Lasten-Omnibus einmal mehr das weite Blau, immer wieder, immer dieselbe Litanei um die Welt.

Im Großen sind es Essgewohnheiten, Agrarsubventionen, Moden der Märkte, Hafengebühren und Lager-Infrastruktur, die über die Fracht, die Intervalle, und das Anlaufen der Häfen entscheiden. Die Reederei ist nur das getriebene Objekt, die Regie führt die Globalisierung. Doch im Kleinen entscheiden einzelne Menschen über das Schicksal der Schiffs. Wer gerade den Kurs predigt, wird schon klar bevor man die Tür zur Brücke öffnet. Die vor Melancholie fast überbordenden russischen Balladen, die an deftiger Prolligkeit nicht zu übertrumpfenden ukrainischen Dance-Charts, die altbewährten, sowjetischen Arbeiterlieder oder die mit verspielter Lebensfreude gewürzten philippinischen Volkslieder – Sie tönen gedämpft aus der Stereoanlage, je nachdem, wer gerade Dienst hat. In Gesellschaft von Kollegen oder alleine brüten sie über Bildschirmen, clicken auf Karten, vertrauen feinen Linien und Ferngläsern, und wenn man sie lieb fragt, und ein paar Minuten wartet, tun sie nichts lieber, als die Ankunftszeit am belgischen Hafen auf einen Zettel zu kritzeln. Wenn wir uns, umgeben von diesem ewigen, bedrohlichen, alles umfassenden blau auf eins verlassen können, dann dass Anatol, Sergej, Artemio und Reginald uns sicher nach Hause bringen. Auf die Minute genau.

 

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2 Kommentare

  1. Karin

    Wunderbar!

  2. reise in der reise. danke für diesen und die vielen anderen eindrücke!

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