Normal, ausnahmsweise

Komfort, ist das eine erfüllte Erwartung? Oder eine übertroffene? Oder einfach eine, die aus dem Bewusstsein verschwindet, weil klar ist, dass sie erfüllt werden wird? Vielleicht ist Komfort der Luxus, sich keine Gedanken machen zu müssen.

Für ein Auto ist es ziemlich zerschrammt, für eine Behausung eher eng, und doch ist dieser spontan aus den online-Kleinanzeigen gefischte und schnell Probe gefahrene Kombi das komfortabelste, was uns seit langem passiert ist. Seit zwanzig Jahren haben zehn verschiedene Besitzer sein Äußeres mit Kratzern und sein Inneres mit Flecken versorgt. Aus der Nähe betrachtet eine lange Zeit… Aber das ist unwichtig. Tatsache ist: Wir besitzen jetzt ein Auto. Das bedeutet zweierlei.

Erstens: Wir nehmen, ausnahmsweise, in einer gewöhnlichen Weise an einem System teil. So, wie es die meisten tun, so, wie es die meisten erwarten. „Privatbesitz“ und „motorisierter Straßenverkehr“ sind die Stichwörter. Jemand fährt mit seinem Auto auf der Straße; Alltäglicher kann es kaum werden.

Ein paar Scheine an die Tankstelle, Gang rein, Kupplung raus, ein Fuß aufs Gaspedal, ein Auge auf die Straße, fertig ist der Seelenfrieden.

Zweitens: Benzin enthält viel Energie; eine Zapfsäule pumpt schnell. 7,3 Liter Normalbenzin schluckt der Nissan – Kein hoher Verbrauch für ein altes Auto, erst recht nicht für eins mit angerostetem Dachgepäckträger. Würde man diese Menge Energie anders nutzen, käme sie einem viel vor. Zum Beispiel, indem man eine ganze Schule bekochte oder gründlich seine Wohnung staubsaugte, 48-mal eine Stunde lang. Mit 7,3 Litern fein raffinierten fossilen Rohstoffen könnte man eine ganze Garnitur synthetischer Kleidungsstücke herstellen. Alle hundert Kilometer ein neues Outfit.

Offenkundig stehe ich mit diesem Bewusstsein aber allein auf weiter Flur, denn die ganze Welt ist autofreundlich. Für den Luxus, in kurzer Zeit für wenig Geld eine weite Strecke zurückzulegen, wirft man so routiniert seine Bedenken über Bord, dass alle Menschen, die es sich leisten können, mehr Zeit mit Autofahren als mit Gehen zubringen. Wer kann es ihnen verdenken, wenn alle Strukturen, die sie umgeben, genau darauf abzielen? Keine Siedlung ohne breite Verkehrswege, kein Laden ohne öffentliche Parkplätze, keine Kreuzung ohne klare Schilder, kein Land ohne Treibstoffsubventionen. Wo es Menschen gibt, tönt Straßenlärm.

Jetzt sind wir auch solche Menschen.

Aus diesem System auszubrechen, erfordert Geduld und Kraft. Das haben wir, ironischerweise, am eigenen Leib erfahren. Sie stecken uns in den Knochen: Sechzehn anstrengende Monate alternativen Vorankommens, immer mit dem doppelt abgesicherten Blick: Einem auf die Folgen unserer Mobilität für die Umwelt, und einem auf die Intensität des Reisens für uns selbst. Zum Abschluss, fast am Ende der langen Reise, leisten wir uns den Komfort, den Komfort der vollen Ignoranz.

Finanziell gesehen ist er nicht teuer. Schon vor 150 Jahren wurde der Viertaktmotor erfunden. 110 Jahre lang konnten Autohersteller ihre Serienfertigung verfeinern. Nur mit dieser langen Geschichte und ihren immensen Skaleneffekten ist zu erklären, wie wir für unsere voll funktionstüchtigen 1410 kg Metall, Plastik, Glas und Gummi nur umgerechnet 700 Euro auf den Tisch legen müssen. Mit 125 PS, elektrischen Fensterhebern, Zentralverriegelung und Matratze im Kofferraum.

Wir sind gerüstet für ein Leben auf 91 Oktan. Ganz normal.

Nissan Avenir W10

Baujahr 1993

1,8 Liter 16V Benzinmotor

6,1 L/100km Normverbrauch

6,7 L/100km tatsächlich (ohne Dachgepäckträger)

252.000 km angebliche Laufleistung bisher

1100,- NZD in der Nebensaison (ca. 700,- EUR)

www.gumtree.co.nz

Autofahren in Zahlen

Nötige Energie zur Herstellung von 1 kg Nylon: 250 MJ (Quelle)

Nötige Energie zur Herstellung von 1 kg Polyester: 125 MJ

Energiegehalt von 7,3 L Benzin: 314 MJ (43MJ pro Liter, Quelle)

Brennwert von 7,3 L Benzin: 87 kWh

Stunden, die ein 1800 W-Staubsauger mit 87 kWh betrieben werden kann: 48

(In Anlehnung an die brand eins Welt in Zahlen)

Backpacker-Touristenalltag: Frühstück am Tauposee

Total normaler Backpackeralltag in Neuseeland: Frühstück auf dem Parkplatz. Hier: Verregneter Morgen am Tauposee, Nordinsel

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3 Kommentare

  1. Revesz Georg

    Welcome to to world of the others

  2. Gisa

    EIN NEUER BEITRAG!!
    Morgen schaue ich nach dem nächsten…

  3. bei mir waren es 14 autos: vw 1600, renault r4, renault r5, peugeot 504, ford pinto, ford granada…usw.
    bei casey… aber seht selbst: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=qPcxxeZPhvM

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