Noch hat keiner gekotzt

Auf einer Reise wie unserer bieten sich viele Gelegenheiten, die Nerven zu verlieren. Traurigerweise will sich bei mir nie gänzlich die nötige Gelassenheit einstellen, um solche Situationen von vornherein galant zu meistern. Egal wie oft ich mich in einer städtischen Umgebung erst verloren und überfordert fühle, und egal wie oft ich irgendwann erfolgreich wieder Herr der Lage werde, jedes Mal von neuem werde ich sauer. Drei schief gelaufene Kleinigkeiten nacheinander an einem unausgeschlafenen Tag zu einem hungrigen Zeitpunkt und ihr könnt mich vergessen. Absolut in die Tonne treten den Kerl, nicht mehr auszuhalten. Total überfordert. Ein einziges feuerspeiendes Psycho-Wrack.

Anders ist die Lage bei wirklich wichtigen Problemen. Die elementaren Bedrohungen scheinen mir besser zu liegen. Mit jeder tiefgreifenden Herausforderung werde ich schlauer. Je weniger Wahl mir bleibt, desto schneller finde ich zurück zu meiner Gelassenheit. Zum Beispiel Pamir-Gebirge. Atme auf einem 4800-Meter-Pass ein, und es kommt nicht mal halb so viel Sauerstoff in die Lunge, wie du gewohnt bist. Dir wird mulmig, garantiert. Aber du hast keine Wahl, Panik ist keine Option. Is einfach nich drin. Tief durchatmen und nochmal von vorne. Wieder nicht genug Luft in deinem kürzer, schneller werdenden Atemzug? Also nochmal, immer mit der Ruhe. Panik gilt nicht, Punkt, fertig, aus. Nach einigen schreckerfüllten Sekunden, und zwar genau dann, wenn man kurz denkt „ach scheiß drauf, andere Leute schaffen es ja auch jeden Tag, das muss ja gehen“, dann legt sich der Schalter um, wie von Zauberhand. In der Ruhe liegt die Kraft. Die Gelassenheit kommt. Wenn nicht mit diesem Atemzug, dann halt mit dem nächsten.

Genau auf diese Weise meistere ich an einem Freitag Abend im April 2013 meine Seekrankheit. Sydneys Skyline ist schon längst verschwunden. Auch die riesige, taghelle Glocke von Lichtverschmutzung hat sich hinter den Horizont verkrochen. Das immer stärker werdende Stechen in der Magengrube, das ausnahmsweise nicht von Hunger kündet, also auch nicht durch Essen zu bekämpfen ist, möge der Bordkühlschrank noch so voll sein, wer hat eigentlich das ganze Essen eingekauft, niemand isst wenn ihm schlecht ist, lässt sich nicht mehr in Schach halten. Als einziger optischer Bezugspunkt bleiben ein paar Dutzend winziger Sterne, der Rest der mondlosen Welt ist schwarz. Tiefschwarz. Die großen dunklen Flecken zwischen den Sternen müssen Wolken sein. Tiefschwarze Wolken. Auch das Meer ist tiefschwarz. Alles schwarz, nur ein paar trügerisch feste Instrumente sind beleuchtet. In oldschool-grün. Wie eine Digital-Armbanduhr, wenn man nachts auf die fummeligen Knöpfe an der Seite drückt. Pieps. Mit welcher Art Grünton wir es hier zu tun haben, kann sich jeder denken. Genau. Und dieses grün ist das einzige, was man sieht, außer dem ewigen schwarz, schwarz und KOTZGRÜN. Das Boot schaukelt wie eine Achterbahn, schon seit Stunden, alles schwankt und schaukelt, jedem Wellenkamm folgt ein Fall, dass es nur so im Magen kribbelt. So ein großer schöner Katamaran ist hier draußen nur noch eine Achterbahn auf Endlosschleife. Wer könnte das wollen? Was für eine hirnverbrannte Idee.

Kein Horizont also, kein Himmel, kein anderes Schiff – Soviel frische Luft kann man gar nicht atmen, nicht mal auf Seehöhe, dass man eine Achterbahn auf Endlosschleife aushält. Das Drücken wird schlimmer. Vielleicht bringt Clara deshalb schon seit Stunden kein Wort mehr über die Lippen. John ist auch nicht gerade redselig. Alle lungern um das Cockpit herum, den Kopf vom Armaturenbrett abgewandt, bloß nicht auf die kotzgrünen Lichter kucken. Alle starren in den Teil vom Schwarz, wo vorher noch der Rettungsanker des vertrauten Hafens, wo vorher noch das letzte Licht von Sydney Hoffnung ausstrahlte. Es hilft nichts, Sydney ist weg, das Schaukeln ist da, und es wird die nächsten fünf bis zehn Tage unser treuer Begleiter bleiben, je nach Windverhältnissen. Man kann sich ja mit einigen unangenehmen Dingen arrangieren, vor allem für fünf Tage, aber fünf bis zehn Tage Achterbahn auf Endlosschleife, mann mann mann mann mann.

In diesem Moment macht es klick.

„Ach scheiß drauf, andere Leute schaffen es ja auch jeden Tag, das muss ja gehen.“ Was, wenn mir das Schaukeln ab jetzt egal ist?

P1210628

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4 Kommentare

  1. roli

    das sind die schönste momente wenn man sich wieder mal selber überlistet hat und die ganze hirnwi***** beiseite schiebt 🙂

  2. Gisa

    Achterbahn auf Endlosschleife. ICH KÖNNTE KOTZEN!!
    Aber diesen Schalter, den kenne ich…

  3. Karin

    Auch wenn Wellen dich zum Kotzen bringen, deine Ehrlichkeit ist nicht zum Kotzen. Im Gegenteil: du hast meinen Respekt und Bewunderung fuer diesen Kommentar.

  4. mir fällt dazu eine anzeige zum schlussverkauf eines möbelladens ein:
    zu sehen ist eine vollgek…. schaufensterscheibe. Überschrift: „Alles muss raus!“

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