36 Stunden im Leben eines Tramperpaars

oder „Wie wir mal eben schnell aufbrachen, unseren Segler zu finden“

Freitag, 11:05, Macquarie, Nord-Sydney

Die Luft im sogenannten Cafe ist erfüllt von bedeutungslosem Gedudel aus billigen Deckenlautsprechern. Bei jedem Atemzug dringt eine eigenartige Mischung aus „Die Gäste wollen die Klimaanlage halt auf 18 Grad“ und „Das Öl ist schon ein paar Tage in der Fritteuse, macht doch nix“ in die Lungenflügel. Ein Grund dafür, dass uns ein kleines Stück Rasen in der letzten Nacht um 37 Dollar ärmer machen konnte, war das Drahtlosnetzwerk, mit dem der Campingplatz warb. „Unseres ist leider gerade kaputt, aber warte mal, gibt es nicht freies W-LAN bei McDonalds?“

13:27, Sutherland, Süd-Sydney

Das Hitch-Wiki, ein Online-Register mit guten Plätzen zum Autostoppen, frohlockt mit Heathcote: Einer S-Bahn-Station in direkter Nachbarschaft zur Tankstelle an der Ausfallstraße. Dass nicht jeder Zug der blauen Linie direkt dorthin fährt, sondern man mit etwas Pech zwischendurch 27 Minuten Aufenthalt hat, verrät es nicht. Wir hatten ihm am Telefon versprochen, wir kommen am Nachmittag – Hoffentlich versauen wir es uns nicht mit John. Nach sieben Yachthäfen, in denen wir 15 Yachtclubs und ungezählte Restaurants abklapperten, nach 30 an schwarze Bretter gepinnten Zetteln und 50 verschickten E-Mails, war er der einzige Segler, der sich meldete. Ein Kumpel habe ihn auf unsere Annonce im Afloat-Magazin aufmerksam gemacht. Er suche noch Crew. Wenn wir ihn und seinen 48-Fuß-Katamaran kennenlernen wollten, sollten wir einfach die gut 300 Kilometer nach Moruya runterfahren, wo er gerade ankert.

14:38, Heatchcote, Tankstelle

Eine erfolgreiche Strategie beim Trampen lautet, du sollst niemals ein Auto nehmen, das dich nur ein kleines Stück weiter bringt, wenn du dafür eine gute Stelle aufgeben musst. Eine volle Tankstelle direkt an der Autobahn ist definitiv eine gute Stelle, also zögern wir, bei einem Paar einzusteigen, dass uns schon 20 Minuten später wieder absetzen würde. Doch bevor wir diese Überlegungen zu sehr vertiefen können, tritt eine unförmige Gestalt mit gelben Zähnen und spärlich gesäten, grell gefärbten Haaren in unser Blickfeld. Kaum hat ihre respektlose Ermahnung den Weg aus ihrer frustrierten Visage durch die Luft in mein Ohr gefunden, blafft es aus mir heraus: „Nein, überhaupt kein Problem, wir sind schon weg, denn wissen Sie, weiter südlich auf dem Princes Highway warten noch viele andere Tankstellenkunden auf uns, die wir heute alle noch einschüchtern müssen.“ You’re intimidating my clients, ja genau.

15:04, Princes Highway, Ausfahrt Wollongong-Nord

„Äh – Ähemmm – Could you please drop us off here?“ Claras Bitte, als wir nach einer kurzen, aber in nicht geringem Maße haarsträubend rasanten Fahrt die mittelvolle Autobahn verlassen, wird abgeschmettert. Es gäbe eine wirklich super Tanke in der Stadt, dort führen wirklich alle weiter nach Süden, mehr Autos als auf der Autobahn, ja echt, sagt die energische Mutter, die vor vier Minuten ihre Kinder von der Schule abholen wollte.

15:25, Tanke, Wollongong

Wir haben es nicht geahnt, wir haben es gewusst. Nicht weiter überraschend: Sie ist leer, die Tanke, und die sporadisch auftauchenden Fortbewegungsmittel auch. Kein Gepäck und nur ein Insasse. Es sind immer diese Autos, die die urbanen „Wer hier mehr als zwei Minuten hergefahren ist, hat sich vertan“-Tankstellen bevölkern. Lupenreines Reich des spontanen Zigaretten- und Klopapiererwerbs.

Obwohl wir nur zwei Eis kaufen, (aus strategischen Gründen), gestattet die freundliche Dame an der Kasse den exotischen Rucksackreisenden, den Eroberern dieses Stammkundenreviers, das Trampen. Was nicht heißt, dass sie es sich verkneifen könnte, ihre wenigen Kunden heimlich zu bitten, uns zum nächsten Bahnhof zu bringen.

15:40, Toyota Hilux, Baujahr 1998

Gutes Los. Er fährt zwar nur 20 Minuten, befreit uns aber von der Tanke in der Kleinstadt und ist höflich und zurückhaltend, dieser Klempner in seinen 50ern. Die unterschwellige Bewunderung für seinen Bruder trieft aus jedem Satz: Der sei beruflich schon überall gewesen, habe fast jeden Kontinent gesehen, ein richtiger Abenteurer, so wie wir.

16:05, Standspur, Kiama-Bomba

Mann mann mann, ist heute Tag der Scheißstellen? Es gibt Platz zum Anhalten, ja, aber welcher Fahrer soll hier Vertrauen schöpfen, mit 110 km/h an uns vorbei rauschend? Die Hoffnung stirbt zuletzt, denken wir uns zum abertausendsten Mal, und immerhin ist das Meer nur einen Katzensprung entfernt, was soll’s, zur Not kommen wir erst Morgen zu John, er hat eh nichts zu tun auf seinem Boot. Clara setzt sich durch und ruft ihn sicherheitshalber an, obwohl wir keinen blassen Schimmer haben, ob und wann wir heute ankommen werden.

16:22, Standspur, Kiama-Bomba

In Europa ist es leicht, aus dem automobilen Einerlei herauszuragen, da braucht man als Prolet nicht viel Kreativität. Spoiler, überdimensionierte Alufelgen, Sonderlackierung, tiefergelegtes Fahrwerk: Das Rezept zum Einschränken von Fahrkomfort und Alltagstauglichkeit liegt bei uns auf der Hand. Nicht so in Australien, obwohl es in vielerlei Hinsicht hier einfacher ist (mehr Platz, bessere Löhne, das Leben und so). Einerseits fällt die Wahl der Karosserie schnell auf den Pickup, the Ute. soviel steht fest. Ute („Jiout“) kommt von Utility, Nutzfahrzeug. Falls man ein Känguruh erlegt oder ein Wildschwein, einen Hai fängt oder seinen Jetski zum Strand transportieren will. Aber Ute hin oder her, der gemeine Proll weiß einfach nicht, ob der sonderlackierte Wagen tiefer- oder höhergelegt werden sollte. Da wäre die 19-Zoll-Chromfelgen- und Sportfahrwerk-Variante am Holden Omega auf der einen Seite, aber der allradgetriebene Monstertruck, mit Distanzringen, Schnorchel, Stollenreifen und Überrollbügeln ist auch geil, far out.

Steve hat sich ein Herz genommen und die Wahl für letzteres getroffen, stellen wir fest, als sein riesiger, grellblauer Metallic-Mitsubishi abrupt neben uns zum Stehen kommt und das bassige Brummen seiner Stollenreifen plötzlich verstummt. Er selbst trägt Tatoos und Piercings, sein Schaltknüppel einen Nietengürtel. Versteht man ihn nicht, weil er so langsam spricht, oder wegen der Vibration der Reifen? Dass er 15 Minuten später die Autobahn verlassen und uns weismachen würde, dass auf der Nebenstraße mehr Verkehr herrsche, das wussten wir natürlich schon, also freuen wir uns einfach, dass mit der reduzierten Geschwindigkeit auch das Brummen etwas nachlässt.

Die tief stehende Sonne schickt zwei widersprüchliche Botschaften: Verdammt spät geworden dieser Tag, unser erster Eindruck bei John ist definitiv verhunzt. Variante zwei gefällt mir persönlich besser: Ganz schön schön hier, am 7-Mile-Beach, das hätten wir der dicht bevölkerten Ostküste gar nicht zugetraut. Vielleicht sollten wir ihn einfach anrufen und noch einmal Bescheid geben.

16:59, Nissan Navara Bj. 2008

Auf der Liste der sperrigen Lifestyle-Accessoires von Mitt-Dreißigern war der erfolgreichste Imageträger stets das Surfbrett auf dem Autodach. Hast du es, bist du an sportlicher Locker-Flockigkeit nicht zu übertreffen. Echt, digger! Zwanzig Jahre lang funktionierte das gut, doch in unseren wilden Zeiten, wo sogar Weltordnungen und Währungen zusammenbrechen, ist auf nichts mehr Verlass. Ein Surfbrett allein reicht also nicht mehr, mutmaße ich, als ich mich kompliziert über eine den Einstieg zum Auto erschwerende Stange auf Julians Beifahrersitz zwänge. Ein bisschen rütteln, etwas schütteln, gar nicht so schwer, doch als der Sprung in den Sitz endlich geglückt ist, ruft Clara, die ohne Hindernis auf den Rücksitz gelangt ist, besorgt etwas von hinten. Beim Umdrehen stellt die Stange sich als Paddel heraus, dessen Ende in angsterregender Nähe zum Kopf eines Kleinkinds schwirrt. Als der Fahrer meine Sorge bemerkt, lässt er das notorische „No worries“ verlauten. Keine Sorge. „He’s a tough guy.“ Dieser coole Standup-Paddler hat also auch einen coolen Sohn. Die beiden machen ein Männerwochenende am Strand. Seine Qualitäten als Standup-Comedian stellt Julian etwas später auf der Fahrt unter Beweis, als die Stimme eines anrufenden Kumpels das Auto erfüllt. Die Freisprechanlage überträgt gut zurechtgelegte, pointiert formulierte Wochenendpläne zum Frauenaufreißen.

17:48, 2005 Toyota Hilux, Tanke im Nirgendwo

Kaum sind die Töne des schrillen Jugendradios aus Julians Autoboxen verhallt und an seine Stelle die Kanarienvögel im Wald getreten, kaum recken wir wieder den Daumen, kommt der nächste Pickup zum Stehen. Scheint doch noch zu klappen heute. Das Pärchen räumt geschäftig die Koffer von der Rückbank auf die Ladefläche und stellt sich feierlich vor. Ich antworte mechanisch: Good; Morrits; Nice to meet you, too. Sie haben kein Standup-Paddel, aber immerhin gehen sie Sky Diving. Wir reisen quer durch Australien? „Good on ya!“ Wir kommen aus Deutschland und Österreich? „I do speak a little German, but Austrian’s off limits. Soltsbörg’s our favourite place, though.“ Kurze Pause. „Austria, huh? Good on ya!“ Wir sind seit über einem Jahr unterwegs? „Traveling is great! Gooood on ya!! “ Patrick und Claire sind so aufgeregt, dass sie uns alle Städte auflisten, die sie in einem Sommer in Europa besucht haben. Es sind ungefähr 30. Wir schweigen, haben aber nicht viel Zeit dazu, denn plötzlich ändert sich der Ton. Paris sei einfach nicht mehr dasselbe. Vor 20 Jahren, ja, da sei Paris noch französisch gewesen, wie es sich gehöre, aber jetzt!? Alles voller Araber und Afrikaner. Wir stellen auf Durchzug, die Story ist immer die gleiche, ja, ja, Schwarze und Eingeborene, sie hätten in Australien nichts zu suchen, sie lägen den Steuerzahlern auf der Tasche und würden nur saufen, und die Asiaten, kaum haben wir uns versehen, haben sie uns schon überlaufen, die alte „I’m not a racist, but…“-Leier. Europa solle also seine Grenzen einfach wieder dicht machen. Wir stutzen. Rassistische Kommentare fanden wir wie Sand am Meer, einer von zwei Fahrern konnte sie sich in unserer unverbindlichen Gegenwart nicht verkneifen. Aber die Erfolgsgeschichte EU ausgerechnet für ihre größte Errungenschaft, das historisch einmalige Schengenabkommen, zu kritisieren? Die gewisse Komik ist nicht von der Hand zu weisen. Ausgerechnet der Mann, der Fallschirmspringen zu seiner Haupt-Freizeitbeschäftigung zählt, hat den geringsten Horizonts des Tages.

John klingt besser, als wir ihn diesmal anrufen, tut uns sehr leid, die Verzögerung, aber in 20 Minuten müssten wir endlich ankommen, ok bis gleich. Mist, das Telefongespräch war kurz, jetzt müssen wir über irgendwas Neues reden, die Fahrt dauert noch einige Minuten und die zwei auf den vorderen Sitzen sind kein bisschen weniger aufgeregt als am Anfang der Fahrt.

Wir segeln nach Neuseeland? „Good on ya!“ Wir lernen gleich den Kapitän kennen? „Good on ya!!

19:23, Moruya

John im Beiboot, im Hintergrund sein Katamaran

John im Beiboot, im Hintergrund sein Katamaran

Kein Schampus, kein Kaviar, keine echte RayBan -Sonnenbrille: dieser Kerl in Shorts und T-Shirt ist so bodenständig wie eine Telefonzelle. Das Vorstellungsgespräch verläuft im Plauderton zu Nudeln mit Tomatensoße, wir trinken Bier aus der Flasche, natürlich können wir heute Nacht im Boot pennen, oder am Ufer zelten, wie wir wollen. Hinter den großen Fenstern des glänzenden 14,5-Meter-Katamarans gratuliert der Himmel in lila-orange. John sucht Leute für die Nachtwache und zum gelegentlichen Abwaschen. Jung und umgänglich, das scheinen die einzigen Erfordernisse zu sein, die ein Aussteiger mit aufgestauter Gesellschaftskritik an seine Mannschaft hegt. Ob man sich leiden könne, das zeige sich eh erst auf See.

23:30

Gescheiterte Karrieren, gescheiterte Beziehungen, gescheiterte Lebensentwürfe, geplatzte Träume und geplatzte Hoffnungen. Die Frage ist nicht, ob die kontaktfreudigen Menschen zwischen 45 und 65, meist männlichen Geschlechts und einfacher Bildung, einen Bumann haben, auf den sie das alles schieben können. Die Frage ist vielmehr, wie sehr die Sympathien für eine Person leiden, wenn sie einem mitteilen, auf wen die Wahl ihres Bumanns gefallen ist. Die Exfrauen, die Profitgier, die Politiker, die Beamten, die Strukturen – Mit dieser Reihenfolge ist John ziemlich durchschnittlich. Ausländer nehmen eine untergeordnete Rolle ein, das macht ihn schon mal tendenziell sympathisch. Aboriginals sind okay, Asiaten und Afrikaner auch, aber es dürften nicht zu viele werden. Dieses Kommentar hätte er sich sparen können. Traurig aber wahr ist jedoch, dass der Rassismus in weniger als dieser moderaten Form fast nirgendwo zu finden ist.

Nachdem sich erst in einem Sturm sein selbst gebautes Segelboot, das vor der Küste vor Anker lag, von selbigem befreite und an einem Felsen zerschellte, und dann auch die langjährige Frau das Band der Beziehung zerschnitt, hat er kurzerhand sein Haus verkauft und einen großen Schuppen gebaut, in den er einzog, um zwölf Jahre lang mit Engelsgeduld eine Glasfaserschicht auf die andere zu kleben. Vor einem Jahr schließlich konnte er den Schuppen abfackeln und das neue Zuhause mit einem Schwertransport-Sattelschlepper zum Meer transportieren, einen Mast anfertigen lassen und schließlich, mit großer Befriedigung, sehen, wie die eigens angefertigten Segel gehisst wurden.

Weiter in Teil 2: Wie wir endlich unseren Segler fanden

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3 Kommentare

  1. gisabuehner

    Eine überragend gute, kurzweilige, mit köstlichen Highlights gespickte Lektüre.

  2. gisabuehner

    Und:
    Clara und der Kapitän, die Schöne und das Biest.

  3. Georg Thomas GTR Revesz

    D. Rassismus der Australien, besonders aus Victoria seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist das einzige was mich an den Australiers stört.

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