Grenzgeschichten

„Ich weiß gar nicht, warum wir uns immer so vor den Grenzübergängen fürchten. Was soll uns eigentlich passieren? Wir haben nichts zu verbergen. Im schlimmsten Fall kontrollieren sie unsere Rucksäcke. Das dauert zwar lange, aber an Zeit mangelt es uns nicht…“

Ich wusste nicht, was ich da heraufbeschwor, als ich Clara diese harmlosen Überlegungen mitteilte, während wir uns aus einem LKW abseilten, der die letzten 75 Kilometer zentralasiatischen Kirgistans für uns bewältigte, bevor wir ins fremde Reich der aufgehenden Sonne kommen sollten.

Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. In vielerlei Hinsicht. Die Kirgisen sind nett, lassen uns problemlos ausreisen. Ob wir das wirklich wollten, nach China, fragen sie scherzhaft, denn es gäbe kein Zurück. Sie beziehen sich auf die Tatsache, dass unser Kirgistan-Visum nur einen einmaligen Eintritt ins Land gewährt. Mit dem Ausreisestempel ist es wertlos. Natürlich wollen wir sie, die Ausreise, dafür sind wir schließlich hier. Vom letzten Kirgisen vor dem Niemandsland werden wir in einen chinesischen LKW verfrachtet, dessen freundlicher uigurischer Fahrer uns zum ersten Checkpoint mitnimmt, zur alten Grenze. Dort wartet eine Armada von multi-ethnischen Soldaten in chinesischer Uniform auf uns. Kirgisen, Uiguren und Han-Chinesen sind darunter. Zwei sprechen Englisch. Nachdem die Rucksäcke ohne Anstalten den Scanner passiert haben, kassiert der Chef – einer der Englischsprechenden – gelassen und mit der größten Selbstverständlichkeit die Pässe ein.

Auf unsere verwunderten Blicke entgegnet er Folgendes: Die 140 Kilometer zur neuen Grenze, dem zweiten Checkpoint, dauerten bei den miserablen Straßenverhältnissen acht Stunden. Bis dahin hätte sie geschlossen. Ohne Stempel, der erst bei der neuen Grenze in den Pass kommt, könne er uns nicht ins Land lassen. Wir müssten im Grenzort übernachten.

Wir stutzen.

Aber kein Problem, es gäbe eine Möglichkeit, Geld zu wechseln und eine billige Unterkunft, und er verspreche hoch und heilig, uns gleich Morgen früh in den ersten LKW zu setzen, der die Grenze passiere, dann bekämen wir auch die Pässe zurück.

Wir fügen uns dem Schicksal. Der Ort hat seine besten Tage gelinde gesagt schon ein Weilchen hinter sich. Offen gesagt: Irkeshtam ist schlicht widerlich.

Die Umgebung ist immerhin nicht schlecht, wir trösten uns mit einem Spaziergang. Schließlich beziehen wir Quartier und siehe da, in dem kleinen Zimmer mit den sechs Hochbetten läuft ein Fernseher. Zu sehen ist das EM-Spiel vom Vorabend.

Wir sind stolz auf unsere Reise. Wer kann schon von sich behaupten, Deutschland-Holland mit uigurischem Kommentar gesehen zu haben?

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6 Kommentare

  1. Karin

    Clari mit Nachtscherm? Wie komfortabel!

  2. Pingback: Irkeshtam – Kashgar « Gut gelaufen

  3. Revesz Georg

    Are you sure, you want to be there?

  4. Romi

    So sieht da ein Hotelzimmer aus? Mit Nachttöpchen?

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