Normalorruption

Natürlich haben sie nicht die Staatssicherheit, die Einhaltung von Gesetzen, den Schutz unbescholtener Bürger oder die Bekämpfung der Drogenmafia im Sinn. Grenzbeamte in Zentralasien fristen ein so trostloses Dasein, abgestellt im Nirgendwo, miserabel bezahlten Dienst schiebend, dass ihnen nichts ferner läge. Ihr Lebensinhalt besteht vielmehr darin, durch psychologische Raffinesse herauszufinden, welchem Grenzübertretungswilligen sie ein Bestechungsgeld in welcher Höhe durch welche Schikane zu entlocken vermögen.

Nicht nur Grenzbeamte übrigens. Egal ob in Usbekis-, Kirgis- oder Tadschikistan – Das Gehalt von Beamten und Angestellten wird auf zwei Arten gemessen. Jene, die keinen Kunden- oder Lieferantenkontakt haben, sind die Geringverdiener. Sie erhalten nur ihr reguläres Gehalt. Bei allen Anderen kommt noch ein obligatorischer Bestechungsobulus dazu, von dem ein fixes Pensum an die Vorgesetzten weitergereicht wird. In Dushanbe beispielsweise gilt die Faustregel, dass man der Straßenpolizei einen Somoni gibt, wenn diese eine ihrer pausenlosen Kontrollen durchführt. Bei 20 kontrollierten Autos in der Stunde erhält das Team aus jeweils zwei Polizisten also 10 Somoni Stundenlohn pro Kopf extra, umgerechnet zwei Dollar.

In Tashkent haben wir erlebt, wie unser Gastgeber Opfer der auch dort omnipräsenten Straßenkontrollen wurde. Dass sein Auto nicht auf ihn, sondern auf seinen Vater zugelassen ist, war für die Verkehrspolizei ein mittelschweres Vergehen, das sich durch die spontane Zahlung von 30.000 Sum, ungefähr zehn Dollar, aus der Welt schaffen ließ. Er war ein zu lieber Kerl. Durch geschicktes Verhandeln hätte er die „Strafe“ sicher auf 10.000 Sum drücken können. Wie auch immer – Was die Polizisten in wenigen Minuten „erwirtschaften“, kostet ihn als Bankangestellten satte fünf Stunden Schufterei.

Selbst Schuld, bei einem Job ohne Kundenkontakt…

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2 Kommentare

  1. gisabuehner

    Schrecklich.

  2. Belutzername

    Die gute Nachricht: Oma hat dir gerade 120.000 sum ueberwiesen.

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