Die Zwei-Klassen-Gesellschaft der Rucksackreisenden

Hier treffen sie sich. Jung und alt (eher jung), arm und reich (eher arm), bärtig und glatt (eher bärtig). Die Creme de la Creme der Alternativreisenden trifft auf eine wachsende Schar von Seidenstraßentouristen. Bei Bahodir, dem dicken Patriarchen, seinen Kindern und Kindeskindern, bei einigen Kakerlaken und bei viel familiärer Gastfreundschaft lässt es sich auch mit kleinem Portemonnaie gut leben.

Der Reisende gestattet sich ein spätes, ausgedehntes Frühstück, während der Tourist schon sein ambitioniertes, vorgeplantes Programm aus Moscheen, Museen und Mausoleen abstottert. Wenn er erschöpft ins Hostel zurückkehrt, für ein kurzes Mittags-Intermezzo, startet der Reisende erst in den Tag.

Der Tourist hat es eilig, er bleibt maximal zwei Nächte, dann hetzt er in einem stickigen Sammeltaxi weiter, stets auf der Jagd nach der besten, größten, ältesten, einzigartigsten Sehenswürdigkeit am Platz. Er will sie alle, er will sie abhaken, er bannt sie verzweifelt auf Kamera, in der paradoxen Hoffnung, dieses kleine Gerät möge den kurzen, hastigen Moment des Besuchs auf ewig konservieren. Er kämpft mit der Liste von Empfehlungen im Reiseführer, er ignoriert das nahende Rückflugdatum, dieses Damoklesschwert jeden Urlaubs. Er gestattet sich keine Pause, in Usbekistan ist man schließlich nicht jeden Tag.
Doch. Ist man. Die andere Gattung von Reisenden, die gemächlichere, hat längere Bärte, dreckigere Hosen, gebräuntere Haut. Sie bleibt länger in einer Unterkunft. Sie verhandelt geschickter. Sie hat jeweils einen langen Weg vor und einen hinter sich. Ihr Alltag ist das besondere, nach dem sich die Touristen insgeheim sehnen. Sie ist skrupellos, ihre Vertreter haben ihre Wohnung vermietet und ihr Auto verkauft. Sie sind schon so oft zufällig in die einheimische Authentizität gestolpert, diesem fernen Ideal der alternativ angehauchten Kurzurlauber, dass ihnen das Abhaken von Sehenswürdigkeiten genauso fern liegt, wie den Touristen das Ausschlafen.
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2 Kommentare

  1. Anita Rainer

    LIebe Clara, lieber Moritz, schön, dass wir wieder so viel zu lesen und zu sehen bekommen. Wir lieben eure Beiträge, sprachliche kleine Kunststücke, Fotos mit wundervollen Motiven. Sie ermöglichen uns, euren Reisegefühlen und Erlebnissen ein Stück nahe zu sein. Dafür danken wir euch und nach wie vor sind wir stolz und froh, dass ihr diesen Weg nehmt!
    Bleibt Reisende und Suchende, die den Augenblick genießen und der Welt näher kommen
    Anita und Günter

  2. Ufo

    Outstanding wall.

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