Khodafez

In vertrauter Umgebung erfährt man vom Leben, wie es ist, und vor allem, wie das Leben im Iran nicht ist. Die Polizei fährt blaue Autos, sorgt für Sicherheit und kontrolliert den Verkehr, wie in Europa. Die Sittenpolizei hingegen fährt grüne Autos, sorgt für Tugendterror und kontrolliert jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Vor Allem Menschen unter 25, mehr als die Hälfte der iranischen Bevölkerung, leiden unter strengsten Vorgaben, wie oder besser wie man nicht leben soll.

Die Sittenwächter sind leicht an der schergenhaften, bösartigen Ausstrahlung zu erkennen. Oft tragen sie einen langen Bart; Im Animationsfilm Persepolis sind sie sehr gut getroffen. Die Sittenwächter haben eine gute Intuition und verschonen generell drei Gruppen: Verheiratete Paare, miteinander verwandte Personen und nicht-islamische Touristen. Ein kleiner Auszug, was einem blüht, wenn man nicht dazugehört: Wer mit einer Person vom anderen Geschlecht erwischt wird, wird mitgenommen, festgehalten und darf erst nach Stunden, manchmal erst am nächsten Tag, von den Eltern oder einem älteren Verwandten abgeholt werden. Wohlgemerkt: Dieses „Erwischen“ bezieht sich einzig und allein darauf, zusammen zu sein – Also beim Spazieren, beim Essen oder schlicht beim Reden. Wer sich bei etwas wirklich schlimmen erwischen lässt, ohne verheiratet zu sein, wird zwangsverheiratet. Diese besondere Ehe bietet keine Scheidungsoption. Etwas wirklich schlimmes wäre nach Interpretation der Sittenpolizei z.B. ein Kuss auf den Mund.

Studentinnen, die ohne Kopftuch auf Facebook (was für Normalnutzer geblockt ist, aber ironischerweise trotzdem überwacht wird) zu sehen sind, können von der Uni geworfen werden und dürfen in ihrem ganzen Leben kein öffentliches Amt mehr einnehmen. Hat man Glück, und löscht das Foto sofort, kann man es schaffen, die eigens auf die Uni abgestellte Universitäts-Sittenpolizei nach monatelangem Bitten umzustimmen und darf weiterstudieren.

Wie kann man das Aushalten? Der berühmte Rückzug ins Private ist die Antwort. Und eine gewisse Risikofreude – So lange man auf der Hut ist, kann man sich tagsüber auch öffentlich mit dem Freund oder der Freundin bewegen, vorausgesetzt man verfügt über ein eigenes Auto.

Die einzige Freiheit der Jugend ist das nicht vorhandene Urheberrecht. Computerspiele, Filme, Serien – Alles ist für wenige Dollar als Raubkopie zu kaufen oder über das Internet herunterladbar. So kommt es, dass wir uns zwischen den iranischen Studenten sehr vertraut fühlen, so lange wir von einem Haus oder einem Auto vor der Außenwelt geschützt sind. Wir teilen den Humor aus US-Serien und das Wissen aus BBC-Dokumentationen. Wir kennen dieselben Sehenswürdigkeiten in Istanbul und fühlen dieselbe Abneigung gegenüber religiösem Fundamentalismus. Doch kaum schiebt man die stets geschlossenen Vorhänge zur Seite und schaut aus dem Fenster, kaum steigt man aus dem Auto – Prasselt wieder die beklemmende Realität der Unfreiheit vom blauen Himmel. Einerseits das junge Paar aus dem Westen, dem die Welt offen steht, andererseits die eingesperrte iranische Jugend, die sich rund um die Uhr verstecken und verstellen muss. Plötzlich der Eindruck, dass die Gräben nicht größer sein könnten.

Nach Schätzung eines unserer Gastgeber verlassen 40% der iranischen Jugendlichen das Land, kaum haben sie ihren ersten Uni-Abschluss. Wer kann es ihnen verdenken?

6 Kommentare

  1. Romi

    Krasse Scheiße!

  2. Super geschrieben, Moritz 🙂
    So habe ich das übrigens auch erlebt… Aber tolle Leute sind das!!!

  3. Manfred Pühringer

    Beeindruckende Beobachtungen über den „sichtbaren“ iranischen Alltag. Ungefähr so wie in unseren Breitengraden zur Zeit der Inquisition und Hexenverbrennung – wir Christen beherrschten damals analoge Verirrungen des menschlichen Gehirns, glaube ich, mindestens ebenso gut. Zentrales, wiederkehrendes Thema: Und immer lockt das Weib ! Was ja, verflixt nocheinmal, auch wirklich stimmt. Moritz, paß bloß auf.

    Von gut situierten Iranern, die lange hier im Westen leben und ab und zu auf Besuch „nach Hause“ reisen – mit Einblick in „bessere Kreise“ – weiß ich, daß es aber hinter verschlossenen & bewachten Türen für Erwählte Alles gibt, was das Herz begehrt: Alkohol, westliche haute cuisine, hübsche Nymphen-Escorts, heiße Musik. Das sind offensichtlich gut funktionierende und mit Geld geölte Sperrzonen, über welche die gestrengen Sittenwächter und Ayatollas diskret hinwegschauen – solange nichts in den sichtbaren Alltag (siehe oben) dringt. Und wenn doch, dann sind die Israelis schuld.

    Also, hie wie dort: Alle Menschen sind gleich, nur manche sind gleicher. Aber angsteinflößend ist das allemal.

  4. Tanja

    wow, sehr interessant zu lesen!

  5. karinscheer

    Als Mama einer entzückenden, intelligenten Schwiegertochter kann ich den Bericht von dir und Clara (via Skype) nur bestätigen. Negin fühlt sich in der Freiheit wohl. Man darf aber nicht vergessen, dass gerade aufgrund des „Aussenfeindes“ die Familienzugehörigkeit stärker ist und Negin ihre Familie vermisst. Und gerade Familie in Europa zu haben wird immer uninteressanter: die Zahl der Singlehaushalte steigt rapid und die Zahl der 0 bis 1-Kind – Familien, die nach kurzer Zeit zu Patchworkfamilien werden.
    Dennoch: ich liebe meine/unsere Freiheit.

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