100% Einöde

Düster.
Trostlos, leer, steinig, grau.
Hässlich, unfertig, karg.
Der Weg von Volos nach Trikala, vom Osten in die Mitte des griechischen Festlands, beginnt mit der Verheißung von Idylle. Durch Felder, sanfte Hügel und ein sporadisch vorhandenes Dörfchen schlängelt sich souverän der ruhige Reisebus.
Die Landstraße macht ihrem Namen alle Ehre. Der Bus hat freie Fahrt, hier herrscht fast kein Verkehr, auf dem Land. Ein ungewohntes Land: Keine Berge, nur Hügel. Kaum Dörfer. Kein Olivenbaum, so weit das Auge reicht.
Hinter Larissa ändert sich das Bild. Die Hügel verschwinden, das Land wird flach. Diesem anderen, flachen Land, ist jedoch nichts schönes abzugewinnen. Es ist kein Land. Eher Boden, auf dem man sich zufällig breit macht, weil sich die Vorfahren hierher verirrt haben. Warum, scheint egal. Hier leben keine stolzen Bewohner. Verirrt haben sich auch Baumwollflocken. Die klemmen zwischen Zaunmaschen, die spießen auf Ästen, die sammeln sich am Straßenrand. Zuerst hält man sie für Plastiktüten. Aber sie sind nicht bunt. Nur dreckig weiß.
Die Baumwollflocken passen ins Bild, weil sie die Verwahrlosung vervollkommnen. Häuser bestehen nicht aus Stein oder Holz, Häuser bestehen aus Beton. Es gibt sie in drei Formen: Als hohle Bauruine, als ausgebautes Obergeschoss mit ebenerdigem Rohbau, oder als Erdgeschoss mit Rohbau-Dach. Die überstehenden Stangen des unverputzten Stahlbetons ragen in den Himmel wie die Zeiger eines enttäuschten, maßlosen Optimismus. Wie die Stoppel eines unrasierten Kinns dekorieren sie das Vielerlei einer Dachlandschaft, die an liebloser Hässlichkeit kaum zu übertreffen ist. Dorf für Dorf dasselbe ästhetische Trauerspiel. Wir haben offensichtlich den Dorfbus der vernachlässigten erwischt, denn von diesen Dörfern passieren wir unzählige. An den Rändern der Siedlungen hat sich die vielleicht dreckigste Branche der Wirtschaft angesiedelt, außer Atomenergie und Chemieindustrie: Der Schrotthandel. Aber Schrotthandel setzt Handel voraus – Ein Euphemismus. Der passendere Begriff ist Schrottplatz. Man sieht Autoleichen in unterschiedlichen Verwesungsstadien, teilweise Modelle aus den 1960ern. Und Metallschrott, im Rohzustand. Kühlschränke, Zäune, Gitter – unbrauchbar gestapelt für die Ewigkeit.
Hinter einer Kreuzung eröffnet sich der Blick auf eine unter Nebelwolken versteckte Ansammlung von Wellblechhütten. Der Nebel speist sich aus krummen Schornsteinrohren, in Form von stechend weißen Rauchschwaden. Hier mischen sich Plastiktüten, Öldosen und Waschmittelpackungen unter den Metallschrott. Zum ersten Mal ein Anflug von Harmonie: Diese Müllbestandteile fügen sich perfekt in das Chaos der versprenkelten Baumwollflocken ein. Wahrscheinlich hausen hier die Erntehelfer, oder die Arbeiter der stiemenden Baumwollwäschereien.
Wir verspüren Erleichterung durch die Trennung, die das Glas eines Busfensters zu dieser Welt herstellt. Schon besser, das griechische Folkloregedüdel und eine ausgeschaltete Lüftung zu ertragen, als an einer dieser Kreuzungen mit mulmigem Gefühl auf Fahrer zu hoffen, die es gut mit einem meinen. Naja, eigentlich beides furchterregend. Ob die Meteoraklöster, die den Grund für unseren Abstecher ins Zentrum vom griechischen Festland darstellen, das Ertragen dieser Einöde rechtfertigen werden?

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2 Kommentare

  1. gisa

    Oh
    oh

    Das ist so traurig und so schrecklich und so kalt…
    …und so schön geschrieben…

  2. karin

    wir sind auch nicht besser, unsere scheinwelt (müll hinter der fassade ob menschlich oder gegenständlich) funktioniert.

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