Prroblämm

Kein Wort Deutsch spricht er, kein Wort Englisch, kein Wort Französisch und kein Wort Spanisch. Aber seinem japanischen Navigationsgerät entnehmen wir, dass der bulgarische Fahrer, der mit einem deutschen LKW einen türkischen Anhänger zieht, tatsächlich nach Kopenhagen fährt, und freuen uns.

Was ist schon ein Klima aus Wunderbaum, Zigarettenrauch und Heizung auf Anschlag gegen die Aussicht, bei 5° im gottverlassenen Gedser eine Nacht lang auf den ersten Bus zu warten? Unser Fahrer raucht zwar bei geschlossenem Fenster, aber er fährt nach Kopenhagen. Denken wir.

„Dsios Minuti“ gibt er uns zu verstehen, als er nach einer halben Stunde stummer Fahrt die Autobahn verlässt. Bevor wir Gelegenheit haben, die mulmigen Gedanken zu sehr zu vertiefen, erscheint am Horizont eine Zollstation für LKWs. Der Bulgare unseres Vertrauens positioniert sein Fahrzeug zielgenau auf den Parkplatz, füllt unzählige Papiere aus, verlässt die vernebelte Fahrerkabine und bietet uns in den Minuten seiner Abstinenz die Gelegenheit, ordentlich durchzulüften. Mit dem Qualm verlassen auch die 26° Grad Sommersehnsucht die Kabine. Wir sind wieder im Winter und atmen auf.

Als er zurück kommt und konsterniert auf dem Fahrersitz Platz nimmt, ohne den Motor zu starten, wissen wir nicht, ob seine Verstimmung an der ungewohnt frischen Luft liegt, die in sein kleines Reich eingezogen ist, und die Illusion der freundlichen Jahreszeit zunichte macht, oder daran, dass er den Stapel Papiere unverändert in der Hand hält. Bevor wir Gelegenheit erhalten, stumm weitere Erklärungsmuster zu erfinden, zündet er sich eine Zigarette an und wirft mit lakonischer Inbrunst ein Wort in den Raum, dessen universale Bedeutung auch den naivsten Optimisten dazu bewegt hätte, die Hoffnung auf eine Ankunft in Kopenhagen aufzugeben: „Prroblämm“.

Aus Rücksicht auf die Lungen seufzen wir lieber nicht und stellen uns einfach so auf eine lange Nacht ein. Er schreibt eine sieben mit zwei Nullen auf einen Zettel, holt sein Notebook aus dem Handschuhfach, schiebt einen Actionfilm ins DVD-Laufwerk und zückt die Plastikbecher. Er Whiskey, wir Piwo. Wir stoßen an, auf das spontane Kinoerlebnis, auf die unerwarteten Hürden Freundlichkeiten des Lebens, nehmen kräftige Schlücke aus den dünnen Bechern und lassen noch 90 Minuten banalster Hollywoodlogik über uns ergehen, bevor wir uns schließlich erschöpft oben auf die Gästepritsche quetschen.

Um kurz nach sieben, die Formalitäten sind erledigt, der nostalgisch dampfstiemende Wunderbaum-Tabakrauch-Express wieder zischend in Fahrt, werden wir für den langen Tag und die kurze Nacht mit einem grandiosen Sonnenaufgang über dem Storstrøm belohnt.

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