Willkommene Gewalt

Jetzt, endlich, endlich Wind. Ein böiger, unsteter Auftakt am ersten Nachmittag, dann zwei Tage Flaute. Am späten Nachmittag des dritten Tages kam ein bisschen Wind auf, Gegenwind zwar, aber immerhin Wind, dann wieder drei Tage nichts. Blauer Himmel, Bilderbuchwolken, ruhige See, wer könnte sich da beschweren?

Der Eingesperrte. Eingesperrt mit zwei alten Männern, die von Duschen so viel halten wie eine Katze von Hunden, und einer Freundin, die sich in den verschobenen Dimensionen nicht zurecht findet. Das Übermaß an Zeit und der Mangel an Raum ist tatsächlich die größte Herausforderung dieser Fahrt. Auf alles mögliche haben wir uns körperlich und seelisch eingestellt. Drei fette Ingwerwurzeln und zwei Packungen Medikamente gegen Seekrankheit, eine innere Barriere gegen die alten Kamellen vom Käptn, Ruhe und Gelassenheit im Falle von Sturm: Gegen alles hatten wir ein Rezept. Nur nicht gegen die Zeit, die sich in Gestalt von unerwartet intensiv gähnender Langeweile zermürbend auf alle Bootsinsassen ausbreitet. Wenn sie nicht gerade schlafen, blasen alle halb deprimiert, halb verzweifelt die meiste Zeit des Tages Trübsal, blättern in Zeitschriften oder lesen. John und Ray folgen fleißig dem primitiven Muster von fast allen Männerfreundschaften, die zu Jugendzeiten entstanden sind: Ich bin cooler, du bist schwach. Der andere: Nein, ich bin cooler, du bist schwach. Und so fort. Siebzig Jahre Lebenserfahrung und kein bisschen immun gegen eine seit Jahrtausenden weiter vererbte Rollenverteilung. Doch heutzutage ist man Alphatier nur für ein paar Sekunden. Die Arena verlangt konstanten Status-Nachschub, Sprüche klopfen am Fließband. Nach zwei Tagen ist das Pulver verschossen, doch die verbalen Revierkämpfe gehen weiter. Du bist schwach. Nein, du bist schwach.

Einziger Lichtblick dieser zähen Tage ist der Sonnenuntergang, der spektakuläre Gipfel des Bootslebens, der tägliche Befreiungsschlag. Wieder ein Tag geschafft. Endlich kommen die wenigen, wertvollen Momente lockerer Gelassenheit nach dem gemeinsamen Abendessen, und schließlich die verdiente Nachtschicht. Ruhe bei den Untertanen, Alleinherrschaft über eine weiße Jacht im weiten Meer.

Der GPS-gestützte Chartplotter verriet, dass uns Neuseeland im Durchschnitt nicht mal 70 Seemeilen am Tag näher kam, 70 von 1160. Wie gut fühlt sich im Gegenzug dieser Wind an, das Verstummen des auf 800 Umdrehungen dumpf dröhnenden Dieselmotors, das Verschwinden des in seiner Sanftheit schon provozierend gemütlichen Schaukelns und die Rückkehr der selbstbewussten Gewalt der Elemente.

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2 Kommentare

  1. Gisa

    Großartige Lektüre.
    Die Intensität der Sprache und des Beschriebenen bilden eine Harmonie über der Disharmonie an Bord.
    Gut zu wissen, dass ja immer nur von der Vergangenheit die Rede ist…

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