Kulturschock

Nein, die Öffentlichkeitsarbeit für gutes Benehmen während der Olympiade in Peking hat nichts gebracht. Chinesen schlürfen, schmatzen, schreien, rempeln und rotzen immer noch. Rotzen nimmt dabei die prominentste Stellung ein, denn wenn man einen Chinesen hört (sowas ist nicht zu überhören), wie er den nächsten Rotzer genüsslich vorbereitet, könnte man fast meinen, er wollte den Rachen bis in alle Ewigkeit von jedem einzelnen Molekül befreien, das sich in Nase, Mund und Körper befindet, und jedes Quäntchen Schleim, vom kleinen Zeh bis zum Scheitel, aus dem Rachen in die Mundhöhle saugen, um es schließlich mit einem effektvoll in Szene gesetzten, präzise gezielten Rotzer exakt in die Mitte des Bürgersteigs zu fetzen.

Nachdem wir ein paar Wochen lang angerempelt wurden, nachdem man uns immer mal wieder auf die Füße getreten ist, nachdem sich wirklich niemand zu schade ist, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr Geld abzuknüpfen als üblich, nachdem wir im Nachtzug unzählige Male von schreiend telefonierenden Leuten geweckt wurden, frage ich Tobi, ob die Chinesen wirklich kein Benehmen haben, oder ob ihr Benehmen anders ist, als das, was wir Europäer unter Benehmen verstehen.

Tobi hat nach seinem Abi ein halbes Jahr an einer Pekinger Eliteuni Mandarin gelernt und ist anschließend das Wagnis eingegangen, Gruppen von jeweils 60 12-Jährigen Englisch beizubringen, in der südlichen Provinz Sichuan. Jetzt hat er Urlaub, wir treffen den Kölner beim Wandern durch die LongJi-er Reisfelder.

Nein, mein Eindruck trüge nicht, tatsächlich zählte weder Höflichkeit, noch Respekt. Ein Fremder, ob anderer Chinese oder Ausländer, sei nicht von Interesse, daher könne man ihn oder sie getrost schlecht behandeln. In ungewöhnlich kurzer Zeit hätte China ungewöhnlich viel Wohlstand erreicht, und das ginge zulasten der Manieren. Eine Milliarde Neureiche? Kaum vorstellbar, aber der Eindruck verfestigt sich bei jeder mitmenschlichen Nachlässigkeit, die einem widerfährt. Natürlich sind nicht alle fies und gemein, aber die Institution der höflichen Entschuldigung sucht man im Land der aufgehenden Sonne vergebens. Vielleicht liegt es auch daran, dass es so viele Fremde gibt, dass der Fremde nichts zählt. Überall ist es voll, und überall eng, da kommt es schon rein statistisch öfter zu Zusammenstößen. Tobi hat noch eine weitere, historisch bedingte Erklärung für mangelnden Respekt für den Nächsten. Ironischerweise hat ausgerechnet die kommunistische Kulturrevolution zu der urkapitalistischen Friss-oder-Stirb-Mentalität geführt, unter der die jetzige Gesellschaft aus europäischer Sicht leidet. Denn wer es nach diesem gesamtgesellschaftlichen Reset zu nichts gebracht hat, ist selbst schuld. So will es das Selbstbild von Mittel- und Oberschicht. Nach der Kulturevolution hätten alle nichts gehabt, woraus sich gleiche Ausgangschancen für alle ergäben, und wer die Chancen nicht genutzt hat, ist selber schuld. Kein Platz für Solidarität.

Wer sich also freiwillig den geschützten Räumen von Büro, Haus, Taxi oder eigenem Auto entzieht, oder sich diesen Rückzug nicht leisten kann, muss die Konsequenzen tragen. Wo gehobelt wird, fallen Späne; wo Massen sind, wird gerempelt. So einfach ist das.

 

 

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6 Kommentare

  1. eigentlich richtig, hier keine bilder zu zeigen, denn die bilder im kopf entstehen auch so.
    und euer blog ist ja prallevoll mit schönen augenblicken.
    aber ehrlich gesagt, hatte ich nach den ersten zeilen so was erwartet wie: ästhetisch inszenierter ostsiatischer mandelin-auswurf, mit gesetztem streiflicht, im sonnenuntergang, seitlich schon leicht angetrocknet …

  2. georg. revesz

    sensationelle Beobachtungen von Toby und Dir. meine Chinareise (nicht Hong Kong) wird drei Wochen, nicht drei Monate dauern.

  3. Manfred Pühringer

    Moritz, das ist eine heftige Beschreibung der Sitten und Gebräuche im Alltagsleben. Für europäische Verhältnisse grauslich und abstoßend. Kein Wunder, daß es im Wirtschaftsleben zwischen Wessies und Chinesen sehr viel (meistens?) kracht. Verständlich auch, daß bei dieser verrohten Mentalität Produktpiraterie, Patentverletzungen, Werksspionage, etc. zum Chinese business-as-usual zählen. Fuck intellecutal property rights, spit on them !

    Und trotzdem verkaufen sich deutsche Autos, in China produziert, wie warme Semmeln; und alle deutschen Unternehmen ehoffen sich große Geschäfte und Absatzmöglichkeiten in diesem Riesenland. Umgekehrt haben die Chinesen die gesamte deutsche Solarbranche platt gemacht und eine Insolvenz jagt die andere in dieser Branche.

    Schöne Neue Welt. Charles Darwin läßt mit seinem „Survival of the fittest“ schön grüßen.

  4. Romi

    sehr amüsant zu lesen! ich konnte mich nicht mehr halten bei der beschreibung, wie der präzise gezielte rotzer effektvoll mitten auf den bürgersteig gefetzt wird!
    rempelt ihr jetzt auch schon zurück, rotzt um die wette und seid fies zueinander? oder seid ihr im gegenteil extra scheißfreundlich und reicht den rotzern taschentücher?

    • gisabuehner

      Hahaha, köstlich, ja was machen sie wohl?
      Ich glaube, so wie ich sie kenne, die beiden:
      SIE BLEIBEN FREUNDLICH!!!!!

  5. gisabuehner

    Die Rotzmoleküle, sie verfolgen mich…
    Eine unglaubliche Betrachtung der besonderen Art.
    Kommunismus, Kapitalismus, Wohlstand, Rotzen.
    Ich kann gar nicht so schnell folgen.
    Großartige schillernde Beschreibung.

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