Drei Tage illegal

Usbekistan macht es uns nicht einfach. Von allen Personen, die sich mit einem Touristenvisum im Land aufhalten, verlangt das Gesetz eine tägliche Registrierung. So auch von uns. Kein leichtes Unterfangen, wenn man Hotels nicht mag, am Liebsten draußen zeltet oder es vorzieht, in normalen Wohnungen zu Gast zu sein. Denn die Registrierung führen Hotels und Gasthäuser durch. Nur solche, wohlgemerkt, die eine Lizenz besitzen, Ausländer bei sich aufzunehmen.

Wenn man es genau nimmt, gilt die Registrierungspflicht nur für die ersten 72 Stunden im Land, und für jene Orte, an denen man sich länger als 72 am Stück aufhält. Aber genau nimmt es in Usbekistan niemand. Die Zusammenarbeit von Ausländerbehörde (die die Registrierung vollzieht), Polizei (die den Vollzug der Registrierung überwacht) und Grenzwache (die die gesammelten Registrierungen für eine reibungslose Ausreise verlangt) ist mehr als mangelhaft. Aber das haben wir erst später erfahren.

Bis dahin wurden wir von zehn verschiedenen Hotels in Taschkent brüsk abgewiesen, drei Tage als „illegale“ behandelt, bekamen unzählige Drohungen, verhaftet zu werden oder gut 1000 Dollar Strafe zu zahlen, und erhielten selbst vom deutschen Botschafter keine Hilfe. 1000 Dollar, das ist unser gemeinsames Reisebudget für einen ganzen Monat!

Eine Nacht in einem Hotel, das fälschlicherweise vortäuschte, eine Lizenz zu haben, und drei Tage zelten im Nationalpark gehen dem voraus. Genug für die streng kontrollierte Tashkenter Hotellerieszene, uns nicht mehr aufzunehmen. Genug für unsere zarte Reisendenseele, der ein Verlust des wichtigen USB-Sticks, eines Wörterbuchs und einer Jacke, zudem noch ein Diebstahl eines Benzinkochers bereits zu schaffen macht, in gestresste Verzweiflung zu verfallen.

Wenn man im Hof des lieben Gastgebers sitzt, Kaffee und Kekse serviert bekommt, während die Sonne scheint, und in radebrechendem Englisch scherzt, kann man das kurz vergessen. Kaum ist jedoch die Kaffeetasse leer, kaum das Lachen abgeklungen, kommt die erdrückende Wahrheit zurück. Zwei Nächte vergeblicher Hotel-Abklapperung, die teilweise in fluchtartigem Verlassen der Lobby endete, weil die Rezeption laut drohte, uns bei der Ausländerbehörde zu denunzieren, falls wir uns nicht umgehend selbst anzeigten, und der einzige Lösungsvorschlag des Botschafters, zur Behörde zu fahren und die horrende Strafe zu bezahlen, schlagen auf’s Gemüt.

Es ist schwer vorstellbar, was es bedeutet, in einem Polizeistaat illegal zu sein. An jeder zwanzigsten Kreuzung winkt die Exekutive Autofahrer aus dem Verkehr. Pro U-Bahn-Station sind sechs bis zwölf Polizisten im Einsatz. Seinen Pass zeigt man öfter vor, als auf die Uhr zu schauen.

Kaum zu glauben, wenn man schließlich doch eine Rezeptionistin findet, die Jura studiert hat und Kontakte bei der Polizei unterhält, und wieder Hoffnung weckt. Sie nimmt uns mit in ihre kleine Privatwohnung, von der aus sie ihren Freund anruft, der nach einer Stunde Bangen und Hoffen eintrifft, um mitzuteilen, man solle sich nicht in die Hosen scheißen, es sei alles kein Problem. Wir zahlen ihr eine Nacht, die wir angeblich im Hotel verbracht haben, und erhalten einen Zettel mit dem passenden Datum. Es sind einzig und allein diese schwarzen Lettern, Name und Adresse des Hotels, unser Name, unsere Passnummer, ein Datum und ein Stempel, es ist allein dieses Stück Papier, das uns in ein unbeschwertes Leben zurückholt.

Unten rechts: Das langersehnte Objekt unserer Begierde

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7 Kommentare

  1. karinscheer

    Moritz Alexander der Große er eroberte auch illegal Samarkand.

  2. Pingback: Wir in Taschkent « Gut gelaufen

  3. Obwohl ich die Geschichte schon per Telefon kannte:
    Es laufen mir Schauer über den Rücken bei der Lektüre.
    Es waren nur drei Tage, wieviele Menschen leben jahrelang oder das halbe Leben in diesem Zustand?
    Traurige Welt.

  4. gisabuehner

    Es laufen mir Schauer über den Rücken bei dieser Lektüre, obwohl ich die Geschichte schon per Telefon kannte.
    Wieviele Menschen leben so, jahrelang…
    Traurige Welt.

  5. Romi

    Einfach krass. Kriegt nur der Mann den Schnipsel?

  6. roli

    Sensationelle Geschichte…………..beim sich nicht anscheißen sollen ist sie mir erschienen wie sie euch ansieht und euch mal nicht das herz in die hosen rutscht bei dem ganzen wahnsinn 🙂

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